Kunsterlebnis auf dem Haller Kirchplatz

Westfalenblatt (Kerstin Eigendorf)

Seit fast einem Jahr ist das Haller Kunstmuseum geschlossen. „Zuerst kommt der gesunde Mensch, dann die Kunst“, lautet das Credo von Museumsleiterin Ursula Blaschke. Ein Kunsterlebnis auf dem Haller Kirchplatz soll am Karfreitag die Durststrecke endlich beenden.

14 mehr als 100 Jahre alte Ölgemälde auf Kupferplatten mit echt vergoldeten Rahmen werden als Kreuzweg rund um die Johanniskirche zu sehen sein. Sie haben einen langen Weg hinter sich gebracht.  Woher sie stammen, möchte Ursula Blaschke – durch und durch Kunstexpertin – nicht erraten („Vielleicht hat der liebe Gott  durch die Welt geschaut und gesagt: Die wollen den Hallern eine Freude machen.“). Bei Eis und Schnee haben die erworbenen Werke – ähnlich wie einst der „Heilige Christophorus“ als Leihgabe aus dem Vatikan – erst eine ungewollte Ehrenrunde nach Halle an der Saale gedreht.




Bildquelle: Westfalenblatt

Als sie dann endlich  im westfälischen Halle ankamen vor etwa 14 Tagen, trugen Mitarbeiter des Museums die Bilder mitten durch Eis und Schnee Die Museumsleiterin legte noch reichlich Hand an in liebevoller Kleinarbeit, um sie präsentierfähig zu machen.

Die Werke entstammen vermutlich der „Wiedenbrücker Schule“, einem Verbund des Historismus Ende des 19. Jahrhunderts. Von dort aus wurde sakrale Kunst wie diese Kreuzwege-Motive in die ganze Welt gebracht. Heute ist die „Wiedenbrücker Schule“ untrennbar mit dem Stadt- und Kunstmuseum in Rheda-Wiedenbrück  verbunden. „Mit etwas Fantasie erkennen wir auf den Tafeln Bürger, die als Modell einen westfälischen Ausdruck verraten“, sagt Ursula Blaschke.

Es ist wahrscheinlich, dass der Kreuzweg 1884 eingeweiht wurde in einer Prozession in Baden-Württemberg. „Kreuzwege hatten ja schon immer eine besondere Aufgabe“, betont Ursula Blaschke. Sie seinen allen Bürgern zugänglich gewesen. „Das wird hier auf dem Kirchplatz auch so sein. Draußen, jeder kann kommen, jeder kann aber auch für sich sein und Andacht halten, Abstand ist automatisch da.“ Es solle in dieser schwierigen Zeit ein Geschenk für die Menschen sein. „Einfach einmal durchatmen ohne Angst und danach Trost und Besinnlichkeit mit nach Hause nehmen“, betont die Museumsleiterin, die die Frühwerke der ganz Großen von Picasso bis Klee nach Halle geholt hat.  Ihre Liebe gilt der gerne als „Anfängerkunst“ bezeichneten Sparte. Oder um es mit Paul Klees Worten zu sagen: „Die Bilder, die mein kleiner Felix gemalt hat, sind bessere Bilder als die meinen, die oft durch das Gehirn getropft sind.“

Auch Bernhard Hoetger, dessen Werke im Haller Museum zu finden sind, stand der „Wiedenbrücker Schule“ nahe. Er war dort Schüler und erlernte das Kunsthandwerk.

Doch die Aktion auf dem Kirchplatz soll nicht im 19. Jahrhundert stehen bleiben. Der Abzug des berühmten Nagel-Objektkünstlers Günther Uecker wird vom Balkon aus seinen Beitrag dazu leisten, die Gegenwart nicht zu vergessen. Er zeigt ein Boot und passend zur Passionszeit mit einem Leichentuch verhüllten Altar.

Bei der Eröffnung des Kulturerlebnisses am Karfreitag, um 14:30 Uhr, wird es keine Ansprache geben. „Die Bilder erzählen. Alle Eitelkeiten und üblichen Einführungen erübrigen sich, weil es die Bildersprache gibt“, ist Ursula Blaschke überzeugt.

Sie freut sich auf den besonderen Kreuzweg. „ Wegen der auch weiterhin andauernden Zwangspause im Museum haben wir wenigstens bis zur letzten Herbstsonne jedes Wochenende vor die Tür geschleppt, damit einige Menschen sie genießen konnten.“ Der Kreuzweg soll, wenn alles nach Plan läuft, Ostersamstag und – Sonntag auch zu sehen sein.

Weitere Infos unter Tel.Nr. 05201/10333

 
 
Quelle: Westfalenblatt 19.3.2021, Kerstin Eigendorf

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Öffnungszeiten / Preise

Das Museum ist an folgenden Tagen geöffnet:

Samstag – Sonntag Dienstag und Mittwoch
15:00 bis 17:00 Uhr Nur nach tel. Vereinbarung

Eintritt: 8 € pro Person (Sonderpreise je nach Ausstellung)

Die Besonderheit unseres Hauses ist die kostenlose Führung sowohl für Einzelbesucher als auch für Gruppen, Firmen und Institutionen unterschiedlichster Zusammensetzung aus dem In- und Ausland. Projekte zur Dauerausstellung bzw. zu der jeweiligen Sonderausstellung finden bei Jung und Alt große Resonanz; Termine hierfür bitte rechtzeitig abstimmen.

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